Annette Riedel von DeutschlandRadio Kultur Ehrengast der DeutschlandGroup
Annette Riedel zu Deutschlandradio Kultur:
"Deutschlandradio heißt die Anstalt des öffentlichen Rechts. Hat mittlerweile drei Programme. Ein Programm wir in Köln gemacht, heißt "Deutschlandfunk" und ein Programm wird hier gemacht in Berlin, heißt "Deutschlandradio Kultur". Beide Sender haben Kultur und Politik. Es gibt Synergien. Wir haben die gleichen Korrespondenten, greifen auch auf ARD-Korrespondenten zurück und haben mittlerweile auch ein drittes Programm. Das ist „Dradio Wissen“. Das ist eine rein Internet-gestützte Angelegenheit. Also sozusagen in die Zukunft des Hörfunks hineindenkend."
Annette Riedel über moderne Medien und die Interaktion mit der Politik
"Die Politiker sind in der Tat -und da müssen wir uns auch immer an die eigene Nase fassen- in der Zwickmühle, was vielleicht nur noch bestimmte Typen überhaupt zur Politik bringt. Sagen sie nichts, sondern bewegen sich in gängigen Floskeln und Hülsen, wo alle nicken können und sagen "ja", dann sagt man ja ist doch irgendwie flach und der redet doch nur in Sprechblasen und warum sagt der nicht wie es ist. Tun sie es aber und sagen es wie es ist, erzeugen sie Reibungsfläche, nicht jeder wird ihnen zustimmen. Zu einer netten Worthülse kann jeder sagen "ja, mhm, hat er ja irgendwie Recht, ist ein sympathisches Kerlchen". Dieses Bundespräsidenten-Beispiel Horst Köhler ist ein extrem gutes Beispiel; wir haben ja da auch eine Rolle die weder rühmlich, noch unrühmlich, sondern faktisch gespielt".
Annette Riedel über die neue Macht der neuen Medien
"Meine These ist: ohne Internet wäre das mit Herrn Köhler nicht passiert. Es war nicht unser Interview. Das wäre irgendwo verloren gegangen, das sendet sich weg. Aber es sendet sich nur akustisch weg. Dadurch, dass es das in Printversion gibt, hat es eine andere Bedeutung. Und es bedeutet auch für die Politiker, dass sie sich wirklich noch mehr jedes Wort überlegen müssen. Und diese Geschichte, was Horst Köhler da gesagt hat - mit einem bisschen guten Willen war das nicht auf Afghanistan mit den Wirtschaftsinteressen bezogen, sondern auf Frauen von Afrika oder allgemein.... Aber das, was hängen bleibt, wie damit umgegangen wurde von den Medien... war es auf eine Art und Weise verkürzt und auch vielleicht bewusst missverstehend, wo man sich schon ein Fragezeichen setzen kann."
Alexander Wolf:
"Aber wo geht dann unsere Gesellschaft hin, wo sind wir in 10 Jahren, wenn das so der Trend ist? Die Medien, die Macht in Deutschland, die alles bestimmen, die Präsidenten köpfen können?"
Annette Riedel über die Fehl-Entwicklung unserer Gesellschaft und die Verdummung durch die Medien
"Also ich würde mal behaupten, in unseren ein-, zweieinhalb Generationen, die wir hier jetzt stehen, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, denn wir sind als diese Nachkriegs- und 68er Pädagogik - „Opfer“ oder -„Subjekte“ ... ins Leben reingeschickt worden. Wir haben eine kritische Distanz würde ich jetzt einfach mal behaupten, zu Medien, auch zu diesen schönen, neuen, bunten und dem Internet. Da mach ich mir keine Sorgen, ich glaub da sind die Widerstandskräfte gegen die totale Verflachung und nur noch Spaß und Spiel. Bei Ihnen allen, die wir hier stehen.
Wie das aber mit Ihren und unseren und meinen Kindern ist, diese berühmten „Digital Natives“ , die diese Distanz zum Internet gar nicht mehr haben, die gar nicht begreifen, wenn ich denen sage: „Also, Wikipedia ist deine einzige Quelle für irgendein Fakt? Guck mal, ob du noch irgendwas anderes findest.“ Diese Distanz und das Misstrauen auch gegenüber dem schnellen "hier, jetzt, überall, sofort, gleich", das haben die nicht. Die wachsen da rein und das kann schon sein, dass das dazu führt, dass es einfach weniger Interesse und Bereitschaft und dann auch Fähigkeit gibt, sich Dinge zu erarbeiten, sich Fakten auch wirklich begreifbar machen zu müssen, einsteigen zu müssen, mal dran zu arbeiten, was zu begreifen. Wenn es nicht mit einem Klick zu haben ist, wollen wir es nicht haben. Und das ist die Gefahr, die sehe ich, klar. Das besteht."
Alexander Wolf:
"Und was tun wir dagegen? Deutschlandradio hören?"
Annette Riedel über die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks
"Nur noch Deutschlandradio hören (lacht). Nein, ich denke, was wir dagegen tun können (weil diese Tendenz sehe ich auch), auch bei den ganz jungen Leuten. Irgendwann wollen sie nicht mehr nur, was weiß ich, Kiss FM oder so, dann geht ihnen das auch auf die Nerven. Die wollen dann schon Qualität. Das einzige, was man dann wirklich machen kann, ist, dass man die Qualität in den öffentlich-rechtlichen Medien, in den Printmedien versucht zu halten und da sind wir wieder bei den alten Zöpfen. Zöpfe müssen abgeschnitten werden. Aber die Qualität muss gehalten werden um dadurch zumindest als Angebot bestehen zu bleiben. Man kann die Hörer nicht zwingen uns zu hören, die Zeitungsleser nicht zwingen, die Zeitung zu lesen. Passiert ja leider auch deutlich weniger. In den USA ist der Trend ja noch stärker, als bei uns. Aber ich finde es extrem wichtig, dass eine Gesellschaft sich leistet und dafür auch investiert, das Angebot aufrecht zu erhalten, damit für diejenigen, die es nachfragen das Angebot da ist."